Wie ich dazu gekommen bin, Deutsch zu sprechen
Als ich noch ganz klein war, beschlossen meine Eltern, nach Deutschland auszuwandern. Es war kurz nach der Wende, in den wilden 90ern, als unser Land gerade erst den Kommunismus hinter sich ließ und sich zaghaft an die Demokratie gewöhnte. Ich hingegen war noch weit davon entfernt, mich an irgendetwas zu gewöhnen – schließlich war ich gerade mal ein Kleinkind.
Und so packten wir unsere Sachen und quetschten uns in eine Lada – zusammen mit einer weiteren Familie. Das heißt, wir waren zu sechst in einem Auto, das schon mit vier Leuten überfordert gewesen wäre: meine Eltern, mein Bruder und ich, plus unsere Freunde – eine zweiköpfige Familie. Das Ganze fühlte sich eher an wie eine Sardinenbüchse auf Rädern als eine bequeme Reise ins Ungewisse.
Während wir tagelang unterwegs waren, hielt meine Mutter uns alle mit einem Deutsch-Lernbuch auf Trab. Sie blätterte Seite um Seite durch, las Sätze laut vor und zwang uns, sie nachzusprechen. Immer und immer wieder:
👉 „Das ist die Kreide.“
👉 „Das ist die Kreide.“
👉 „Das ist die Kreide.“
Ich wusste nicht, was Kreide war, warum sie so wichtig war und warum wir sie in Deutschland unbedingt identifizieren können mussten – aber ich wusste, dass es wohl das Erste sein würde, das ich jemals auf Deutsch sagen würde.
Und so begann meine Reise mit der deutschen Sprache – in einem überfüllten Lada, irgendwo auf einer endlosen Straße, mit „Das ist die Kreide“ als mein erster Satz.